Kommentar: Fortschritt beginnt dort, wo die Branche ihre Denkmuster verlässt

Thomas Reuter (Abb. © cci Dialog)

Die Kälte- und Klimatechnik versteht sich als Treiber der Energie- und Wärmewende. Tatsächlich aber kreist ein großer Teil des Marktgeschehens um die Verbesserung bestehender Systeme: höhere Effizienz, neue Kältemittel, bessere Regelung, weniger Emissionen. Reicht es künftig noch aus, das Bestehende zu verfeinern – oder muss die Branche wieder lernen, auch technische Alternativen mit Kraft voranzubringen?

Welche Rolle kann bei der Suche nach anderen, noch nicht etablierten technischen Lösungen die magnetokalorische (und elektrokalorische) Kühlung spielen? Erstere steht heute, wie Hendrik Gillert, ehemals Vertriebsleiter der Magnotherm Solutions GmbH, Darmstadt und jetzt Adsorbus GmbH, Berlin, in cci Zeitung 02/2026 sagt, zwar „noch am Anfang ihrer Marktdurchdringung” und wird etablierte Systeme kurzfristig nicht verdrängen. Aber sie steht exemplarisch für eine wichtigere Frage: Wie ernst nimmt die Branche eigentlich technologische Alternativen jenseits des Gewohnten? Magnotherm produziert steckerfertige Kühlgeräte für Supermärkte (bis 1 kW) und entwickelt konkrete Einsatzmöglichkeiten für die Industrie-, Gebäude- und IT-Kühlung. Anstelle eines kompressionsbasierten Kältesystems mit Kältemittel kommt magnetokalorische Kühlung, eine seit über 100 Jahren bekannte Technik, zum Einsatz.

Ein zweiter Player im Bereich der kalorischen Kühlung ging bereits Anfang des Jahres mit der Qurie GmbH, Freiburg (siehe cci324779), aus dem Fraunhofer-Institut für Physikalische Messtechnik (IPM), Freiburg, hervor. Das Unternehmen entwickelt festkörperbasierte Wärmepumpen auf Basis elektrokalorischer Materialien, mit denen sich Wärmepumpen ohne Verdichter realisieren lassen.

Ob magnetokalorisch oder elektrokalorisch: Beide Verfahren stehen für ein Verfahren, Kälte nicht mehr zwingend über das klassische Kompressionsprinzip zu erzeugen. Stattdessen nutzen sie bekannten physikalischen Effekt, dass Materialien unter dem Einfluss von Magnetfeldern oder elektrischen Feldern ihre Temperatur ändern. Sie benötigen keine Kältemittel und unterliegen damit keiner F-Gase-Verordnung: „regulatorisch robust”, so Hendrik Gillert.

Magnetokalorische Systeme sind dort interessant, wo kompakte, leise und präzise arbeitende Kühllösungen gefragt sind – etwa bei gewerblichen Kühlmöbeln, Getränkekühlern, Labor- und Medizinkühlung oder in Anwendungen mit hohen Anforderungen an Temperaturstabilität. Elektrokalorische Kühlung wiederum könnte vor allem in kleineren Systemen an Bedeutung gewinnen, zum Beispiel in der Elektronik-, Sensor- oder Halbleiterkühlung, überall dort also, wo herkömmliche Konzepte an bauliche oder funktionale Grenzen stoßen.

Noch ist das kein Massenmarkt. Und es wäre unseriös, so zu tun, als stünde der breite Durchbruch unmittelbar bevor. Fragen zu Materialverfügbarkeit, Skalierbarkeit, Dauerstabilität und Wirtschaftlichkeit sind keineswegs abschließend beantwortet. Aber genau darin liegt die eigentliche Relevanz des Themas. Denn Zukunftstechnologien werden nicht erst dann wichtig, wenn sie serienreif auf jeder Ausschreibung stehen. Sie werden wichtig, wenn eine Branche beginnt, sie als strategische Option zu begreifen. Die Klima- und Kältetechnikbranche braucht mehr als die Optimierung des Vertrauten.

Thomas Reuter

thomas.reuter@cci-dialog.de

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