2. September 2015 Autor: Dr. Manfred Stahl

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  • Die Politik versagt als Bauherr - fast immer
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Die Politik versagt als Bauherr - fast immer

Warum geht Bauen in Deutschland schief? Ursachen und Lösungen
Ein Statement von Dipl.-Ing. Detlef Hagenbruch, Köln

Detlef HagenbruchDetlef Hagenbruch In der cci Zeitung der Ausgabe 03/2013 schrieb ich: „Da darf man die Kosten des geplanten jüdischen Museums in Köln, nach derzeitiger Berechnung 52 Mio. €, getrost als Peanuts bezeichnen. Marketingstrategisch versucht die Stadt bereits jetzt, noch bevor die Planung überhaupt endgültig abgesegnet ist, das Projekt in der Gesamtbevölkerung über eine ausländische PR-Agentur zu einem horrenden Preis bestmöglich zu verankern. Denn sollte dieses Projekt in Schieflage geraten, werden Köpfe rollen“. Das war schlimm, aber es kam noch schlimmer.
Das in die Kritik geratene Kölner Projekt archäologische Zone/jüdisches Museum wird nur halb so groß und inzwischen doppelt so teuer. Aber es wurde noch nicht einmal mit dem Bau begonnen in diesem höchst kritischen Baugebiet. Ein anderes Projekt steht vor dem Kollaps. Die großmundig versprochene Einweihung der Kölner Oper im November 2015 wird gut drei Monate vor ihrer Neueröffnung gestoppt und um mindestens ein Jahr verzögert. Gestoppt wurden zwischenzeitlich einige TGA-Bereiche. Der Projektsteurer wurde ausgetauscht und einen korrekten Überblick gibt es erst in Monaten. Auch hier gibt es ein Novum im Bauwesen. In meiner o.g. Leserzuschrift schrieb ich, dass bei prognostizierter Schieflage Köpfe rollen werden – Fehlanzeige. In Köln gibt es keine Verantwortlichen, es gibt keine Schuldigen. Was ist nur los in unserer Baubranche?
Die dramatisch zunehmende Anzahl finanziell aus dem Ruder laufender Projekte wird stets problematisiert, aber eine echte Ursachenforschung bleibt häufig genug in den Kinderschuhen stecken. So zeichnen sich konkrete projektübergreifende Lösungen kaum ab. Wo sind in der Politik die Fachleute, die sich mit dem Bauwesen auskennen? Auch hier Fehlanzeige.
Der rechtliche Rahmen des Bauens und die verbindlichen technischen Standards entstehen in Deutschland ohne Mitwirkung der Parlamente. Die regierenden Politiker gestalten dann das Bauwesen mit Hilfe ihrer politischen Beamten unter Mitwirkung  wachstumsorientierter Interessengruppen. Minister verordnen per Erlass die Verdingungsordnungen des Bauwesens (VOBs) oder der Honorarordnungen für Architekten und Ingenieure (HOAI). Sie überwachen die Bauaufsicht und ihre Bauämter. Die Politik hat das Bauwesen so eingerichtet,  das sie Bauprojekte mit teilweise völlig unrealistisch niedrigen Budgets starten und anschließend das Bausoll ungehemmt erweitern können. Deshalb ist Billigstvergabe und Nachtragsbauen integraler Bestandteil  der deutschen Baukultur geworden. Solange ein Projekt initiierende Politiker über eine Mehrheit im Bundesrat/Parlament verfügen, kann man sein Bauprojekt nahezu grenzenlos ausufern lassen. Ein unfertiges Bauwerk ist wie ein legales Loch in der Stadt-, Landes- oder Bundeskasse.
Denn die Problematik liegt in einer Urkalkulation für Nachträge. Eine Lösungsvariante wäre, Letztere zu verbieten. Denn eine Quasi-Manipulation von Baubudgets auf unrealistisch niedrige Werte und die nachträglich nahezu grenzenlosen Nachträge sind rechtlich gesehen keine Untreue. Der aktuelle § 266 des StGB ist bei Weitem nicht ausreichend gefasst. Denn Stadt, Land oder Bund bekommen ja was fürs Geld.
Die staatliche Ordnung des Bauwesens in Deutschland ist unstrittig sanierungsbedürftig. Es wird nicht dem Bauen und Betreiben von Bauwerken im 21 Jahrhundert gerecht. Es ist zu kompliziert und fördert nicht das Vertrauen, das für gutes Bauen so wichtig ist. Es gibt viele Arten von Fehlanreizen. Es muss auch niemand Zahlen manipulieren. Das System kann streng nach Vorschrift eigentlich jede beliebige Zahl als Budget/Kosten zur Projektfreigabe erzeugen. Darum wird das Bauen in Deutschland unnötig teuer, mühsam und produziert immer kurzlebigere Bauwerke.
Wie aber will man mit erkennbarer Ernsthaftigkeit die fehlerhafte Budgets und zwangsläufig sogenannte Kostenexplosion verhindern. Dazu reichen Änderungen im Baurecht nicht. Dazu müssen auch im Haushaltsrecht Anpassungen gemacht werden. Das Haushaltsrecht müsste besser dem Wesen und der Dynamik von Bauprojekten gerecht werden. Dann würde es auch sicher kostendisziplinierend wirken.
Wie sinnvoll und wie effizient staatliche Einnahmen anschließend verwendet werden, ist komplett sekundär. Die systembedingte Vernachlässigung der Ausgabenseite wird durch Berge von Vorschriften kaschiert. Gesetzliche Regelungen für sinnvolle und verantwortungsvolle Mittelverwendung sind eher folkloristischer Natur und strafrechtlich irrelevant.
Die einfachste und radikalste Lösung wäre eine komplette Transparenz des Bauens und Betriebs öffentlicher Bauwerke. Das würde bewusste Manipulation bei Bauprojekten früh erkennbar machen. Dadurch könnte eingeschritten werden, bevor ein gravierender Schaden entsteht. Dort gibt es sicher größte Widerstände und Legionen von Bedenkenträgern. Wirkliche Transparenz wäre ein Baukulturwechsel. Die IT-/Web-Technologie macht wirkliche Transparenz in Verbindung mit erfahrenen Fachleuten der beteiligten Branchen und einem koordinierungsfähigem Führungskopf möglich. Erst dann entsteht im Bauwesen ein echter Wettbewerb um Qualität, Zuverlässigkeit und Effizienz. Jürgen Lauber (Autor des Fachbuchs „BauWesen / BauUnwesen: Warum geht Bauen in Deutschland schief?“; erhältlich in cci Buchshop) ist dabei der Rufer in der Wüste, der immer wieder den Finger in die Wunde legt.
Die Baubranche hat ein massives Qualitätsproblem, das aufgrund der komplexen Anforderungen des nachhaltigen Bauens noch zunehmen wird. Denn die hohen Kosten- und Zeitüberschreitungen haben häufig in der Überforderung der Kontrollorgane ihren Grund: Ihnen fehlt teils das Fachwissen, der Überblick, und sie sind somit schlichtweg überfordert. In einer solch teilweise desolaten Situation setzt der Verzicht auf einen Generalunternehmer eine Aufteilung in viele kleine Gewerke eine Fehlerspirale in Gang mit unzähligen Planänderungen, parallelem Planen und Bauen, gewerkeübergreifendem Chaos, Überforderung der (politischen) Führung mit der Koordinierung und dem Erkennen, dass Öffnungstermine nicht erreicht werden können. So gerät eine Fehlerspirale außer Kontrolle. Und da reden wir noch nicht einmal über die Behebung entstandener bzw. noch entstehender Baumängel.
Eine der wichtigsten Ursachen besteht darin, dass jedes Gebäude ein Unikat ist. Und dann werden jedes Mal die Architekten und Fachingenieure neu zusammengefügt. Das ist eine Komplexität, die es in keiner anderen Branche gibt. Da die Ausführenden in aller Regel nach dem günstigsten Preis ausgesucht werden, ist die Einhaltung der geforderten Qualität eine Palette von unmöglich bis Zufall. Im Bereich der technischen Gebäudeausrüstung ergaben energetische Nachmessungen von relativ neuen Gebäuden erschreckende Abweichungen von teils mehreren hundert Prozent. Das ist dann der nächste Schauplatz.
Und wie geht’s besser? Im Zentrum allen Tuns ist, wenn das Gebäude einmal steht, die nachhaltige Energieeffizienz. Auch hier ist neues Denken erforderlich. Wie üblich erhält ein TGA-Ingenieurbüro den Auftrag zur Planung der technischen Einrichtungen. Sodann wird mit dem Architekten und Endkunden/Nutzer ein individuelles Konzept erarbeitet. In dieser Phase ist zur Sicherstellung einer energieeffizienten Bauweise ein gewerkeübergreifendes Entwicklungsteam unerlässlich. Standardisierte und transparente Prozesse helfen, die Effizienz der Ressourcen zu steigern und so auch den Qualitätsstandard sicherzustellen. Alsdann wird gemeinsam an der Optimierung der Betriebsparameter der Immobilien gearbeitet. Von diesen Vorgaben ist nicht mehr abzuweichen. Objekte, die bereits vor dem Bau durch die Energiesimulation perfekt abgestimmt wurden, werden in der Umsetzungsphase weiterhin quergecheckt. Schon in der Planungsphase werden entscheidende Objektbetriebsprozesse zunächst simuliert und dann definiert. Diese Parameter dienen der Erstellung einer individuellen Betriebssteuerung der Immobilie. Den anlagenbauenden Firmen muss klar sein, dass sie während der Bauphase Nachweise für Ihre qualitativ hochwertige Leistung zu erbringen haben. Mit Beginn der Inbetriebnahmephase werden diese Vorgaben verstärkt aktiv überwacht. So wird überprüft, ob die Energieoptimierungsmaßnahmen aus der Simulation im Betrieb erreicht und mit dem Nutzer u. U. betriebsbedingt verbessert werden können bzw. müssen. Energieeffiziente Produkte und Systeme sind dabei lediglich ein bedeutender Schritt auf die eine dauerhafte Prüfung bis zum Nachweis der garantierten Echtdaten erfolgt. Wer heute nachhaltige Objekte wie außen Design und innen Effizienz errichtet, weiß aber auch, dass derartige Ingenieurleistungen aufgrund zusätzlicher Leistungen (noch) nicht in der HOAI aufgeführt sind und Zusatzkosten verursachen. Sie sind aber marginal zu betrachten, erzielt man doch enorme energetische Erfolge in der objektangepassten Betriebsweise. Nur so werden Betriebskosten durch individuell angepasste Energiekonzepte reduziert und durch permanentes Monitoring optimiert. Das Einsparpotenzial ist außergewöhnlich hoch
Beim Bauen geht es um sehr viel: Mit mehr als 300 Mrd. Euro Bauumsatz pro Jahr um viel Geld, mit mehr als drei Millionen Arbeitsplätzen im Baugewerbe um viele Menschen. Es geht also auch um viel Zukunft, weil Bauwerke bleibend unseren Lebensraum prägen, die wir mit teilweise hohen  aufenden Kosten viele Jahrzehnte unterhalten müssen.
Halten wir es also nicht wie die Kölner mit ihrem Grundgesetz “Et kütt wie et kütt“, sondern beschreiten wir endlich einen neuen Weg zum Ziel nachhaltigen Bauens.
(mit Erkenntnissen von Jürgen Lauber und der BOB AG, Aachen)

Dipl.-Ing. Detlef Hagenbruch, Köln

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Artikelnummer: cci35184
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Kommentare (4):

Die Politik versagt als Bauherr - fast immer... Bleibt nur die Frage “Et kütt wie et kütt“, sondern beschreiten wir endlich einen neuen Weg zum Ziel nachhaltigen Bauens --> wer fängt endlich mal an diesen neuen Weg zu beschreiben! Natürlich effizient! (:-) ???

Katja Manger, basis-plan gmbh
02.09.2015
Lieber Detlef Hagenbruch,
dieser Bericht müsste jedem Ratsmitglied in Köln unter sein Kopfkissen gelegt werden.
Der Text und die damit verbundene Aussage müsste sich im Gehirn der Ratsmitglieder und Entscheidungsträger einbrennen.
Aber ich glaube, dass hat in Köln noch nie funktioniert.
Ich lebe jetzt seit 1969 in Köln, es hat meines Erachtens noch kein öffentliches Bauprojekt gegeben, welches terminlich und auch preislich
ordentlich abgewickelt worden ist.
Ganz zu schweigen von einem technisch gut geplanten und ausgeführten Gesamtprojekt.
Welche Firmen in Deutschland können heute noch ein anspruchsvolles TGA-Projekt ausführen? Einer der wenigen Firmen ,denen ich es noch zugetraut hätte, geht auch noch in die Insolvents. ( Imtech)
Mit herzlichen Grüssen, dein alter Studienkammerrad aus Köln

Dipl.-Ing Manfred Breuer , Köln
Dipl.-Ing. Manfred Breuer 02.09.2015
Ganze drei Jahre hat es gedauert, nach zwei gescheiterten Ausschreibungen für den Hauptstadtflughafen BER einen neuen Generalplaner zu finden. Aber ob es gelingen kann, die weiteren Planungen bis zur Flughafeneröffnung 2017 termingerecht zu koordinieren, wird sich zeigen. Stephan Wachtel, Mitinhaber von Assmann Beraten + Planen: „Flughäfen sind technisch und funktional komplexe Infrastrukturprojekte, vielleicht wurde den Ingenieuren nicht immer die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt.“
Einmal mehr scheint sich zu beweisen: Deutschland ist das Land der regelmäßig aus dem Ruder laufenden Großprojekte mit spektakulären Kostenexplosionen, Verzögerungen und eklatanten Baumängeln. Doch das ist falsch! Das nötige Knowhow, Bauprojekte termingerecht umzusetzen, ist sehr wohl vorhanden. Das zeigen z.B. durch Assmann jüngst erfolgreich abgeschlossene Projekte, wie die zeitgleiche Planung und der fristgerechte Bau von drei Flughäfen in Russland, die insgesamt eine größere Kapazität als der Flughafen BER aufweisen.
Dennoch beherrschen die Negativschlagzeilen das öffentliche Bild. Wird German Engineering im Ausland möglicherweise eher geschätzt als in Deutschland selbst? Hier, so scheint es, wiegt eine gelungene Powerpoint-Präsentation mehr als sachliche Projektarbeit von Ingenieuren. Assmann übernimmt dagegen aktive Verantwortung: Sie spiegelt sich auch in der Ablehnung von prestigeträchtigen Bauvorhaben wider, wenn die Spezialisten von Assmann im Vorhinein erkennen, dass die Ziele durch die Vorgaben nicht realisierbar sind.

(Auszüge aus einer Pressemitteilung von Assmann Beraten + Planen; eingestellt von der Redaktion)
02.09.2015
Könnte man diesen tollen Artikel nicht an die Tagespresse geben? ... und an die Fraktionen des Deutschen Bundestages?

Horst Walterscheid, Technisches Büro Climaria, Rösrath
Rolf Grupp 03.09.2015

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