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8. Oktober 2017 Autor: Dr.-Ing. Manfred Stahl
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Richtlinien und Verordnungen zeigen: Schulräume ohne Lüftung sind nicht Stand der Technik

Wenn Klassenräume ohne Möglichkeiten und Systeme zur kontinuierlichen Zuführung von Außenluft und zur Abführung von belasteter Abluft genutzt werden, entsprechen diese nicht der Arbeitsstättenrichtlinie (ASR) und geltenden Regeln der Technik. Dieses Fehlen ist ein eindeutiger Baumangel. Die Anforderungen zur dauerhaften Sicherstellung einer hygienischen und gesunden Raumluft in Klassenräumen können in den allermeisten Fällen nur durch mechanische Lüftungsanlagen erfüllt werden. Nachfolgend eine "Beweisführung" zu diesen Aussagen.

Klassenzimmer sind Arbeitsräume. Dies gilt zwar weniger für die Schüler, die sich darin aufhalten (obwohl diese eigentlich die Hauptpersonen sein sollten), aber dafür für die dort tätigen Lehrer. Für sie sind Klassenzimmer tägliche Arbeitsräume. Und für Arbeitsräume gelten in Deutschland die Arbeitsstättenverordnung (ASV) und die sie konkretisierenden Arbeitsstättenregeln (ASR). Das Thema Lüftung von Arbeitsstätten wird in der ASR A3.6 „Lüftung“ behandelt. Die ASR 3.6 ist 2012 in einer Neufassung erschienen und enthält Aussagen und Anforderungen zum dauerhaften Sicherstellen einer gesunden Luftqualität in Arbeitsstätten in Gebäuden, für die der Betreiber verantwortlich ist. Nachfolgend einige wichtige Aussagen aus der ASR 3.6, die für Klassenräume und für die Schullüftung interpretiert werden.

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Artikelnummer: cci60416

Kommentare (6):

Vielen Dank Herr Dr. Stahl für den Beitrag mit der äußerst klaren und verständlichen "Beweisführung" nicht nur der normativen Notwendigkeit einer Schullüftung sondern auch der Pflicht für eine solche.
Jeder Verantwortliche für Schulprojekte der, so die Hoffnung, selbst einmal eine Schule besucht hat und in miefigen Klassenzimmern dem Ende der Unterrichtsstunden entgegen dämmerte, und jetzt versucht aus Gründen der Senkung von Investitionskosten, eine Lüftung zu verhindern, sollte einmal einen Tag in einen von ihm verantworteten Klassenraum eingesperrt werden und das Gefühl der Luftknappheit in vollen Zügen genießen dürfen.

Um dem ganzen ein i-Tüpfelchen aufzusetzen: Vor 150 Jahren, zu Zeiten von Prof. Dr. Pettenkofer kannte man noch keine EnEV, kein GEG, keine WDVS sowie hohe Fugendichtheit der Fassaden und Fensterelemente. Aber man kannte bereits die "schlechte" Luft und hohen CO2-Anteile in Schulräumen und hat dazu Untersuchungen durchgeführt. Und heute ....?

Bleiben Sie dran an dem Thema im Interesse der nachwachsenden Generationen!
Ralph Langholz 21.09.2017
Als Vater von zwei schulpflichtigen Kindern, kann ich die Problematik und Handlungsbedarf nur bestätigen. Der Klassenlehrerin meines jüngeren Sohnes habe ich einen Co2-Sensor mit USB-Schnittstelle von "applied sensors" für ihr Notebook geschenkt, damit sieht wann es Zeit ist zu lüften..
Jedoch ist die Fensterlüftung bzw. das komplette öffnen der Fenster in dieser Schule aus mir unbekannten Gründen in einigen Klassenzimmern verboten! Österreich hat hier vor ein paar Jahren die umfassende Sanierung von Schulen hinsichtlich RLT veranlasst. Vielleicht gibt es hier positive Belege die man auch hier zur weiteren Argumentation nutzen könnte.
Jörg Mez 21.09.2017
Vielen Dank auch von meiner Seite für diese fachgerecht fundierte Einschätzung. Ich stimme zu, dass eine mechanische Lüftung von Schulräumen aktueller Stand der Technik sein dürfte. Leider schulden wir regelmäßig für die öffentliche Hand nicht diesen, sondern "nur" die "allgemein anerkannten Regeln der Technik". Im Bereich allgemein bildender Schulen konnte ich daher trotz guter Argumente bisher keine einzige mechanische Lüftung in Klassenräumen durchsetzen, weil trotz Vorbildfunktion die öffentliche Hand schlicht und ergreifend die Gelder nicht bereitstellt - wir kennen das ja von den erhöhten Anforderungen aus EnEV / EEWärmeG an öffentliche Bauherren.
Ihre Argumente werden dann auch auf dem Papier entkräftet und im Zuge der Baugenehmigung über das beiliegende Lüftungskonzept genehmigt. Schließlich gilt die ASR ausschließlich für die Lehrkraft und eben nicht für die Schüler, und über Betriebsanweisungen wird ebenfalls auf dem Papier die Stoßlüftung nach jeder Schulstunde sichergestellt. In dieser Pause ist der Lärmeintrag vertretbar. Und wenn Sie am unteren Ende mit zulässigen 20 statt mit 29 m³/(h, Person) rechnen, reduziert sich der Lüftungswärmeverlust auf 130 W/Person. Nach Abzug seiner eigenen Wärme- und Wasserdampfproduktion brauchen Sie hier über die Wirtschaftlichkeit einer Wärmerückgewinnung nicht zu argumentieren.
Dies wäre aber auch zu kurzsichtig. Viel wichtiger ist der Zusammenhang zwischen "schlechter" Luft (nicht nur CO2) und Arbeitsproduktivität. Studien gibt es hierzu inzwischen genug.
Bildung ist unsere einzige Ressource. Ein Runderlass der Bildungsministerien wäre sehr hilfreich.
Heiko Timmer 21.09.2017
Die Diskussion und Argumentation ist fachlich sehr interessant und gut zu folgen. Leider geht sie aber in der Sache im Kern vorbei. Meine Antwort als Planer ist:
Wir sollten die Klärung dieser juristischen Angelegenheit den Juristen und vor allem dem überlassen, der es zu klären hat, nämlich dem Besteller eines Gewerks, dem Bauherrn.
Vor dem Hintergrund der Veränderungen zum BGB am 1. Januar 2018 steht es uns Planern nun auch rechtlich abgesichert zu, auf der Bedarfsermittlung/Beschaffenheitserklärung des Bestellers zu bestehen. Im BGB § 650p Abs. 2 Satz 1 ist nun eindeutig geklärt, dass der Besteller eines Werks definieren muss, was er haben will. Nur wenn er das nicht leisten kann oder nicht leisten möchte, greift § 650p Abs. 2 Satz 2. Erst dann haben wir Planer, als besondere Leistung zur HOAI, die neue Leistungsphase LPH 0 zu erstellen. Gegen Bezahlung dieser besonderen Leistung können wir dann ausschließlich technische Beiträge zu einer Beschaffenheitsvereinbarung (Bedarfsplanung DIN 18205) beitragen. Die juristische Bewertung obliegt dann jedoch dem Besteller. Und wenn er in der juristischen Beratung Unterstützung benötigt, muss er sich eines Juristen bedienen und nicht eines Ingenieurs.
Aber letztendlich kommt der Auftraggeber ab dem 1. Januar 2018 nicht mehr um seine Entscheidung vor einer Auftragserteilung herum.
Nur wer diesen wichtigen Schritt weiterhin handhabt wie bisher, kommt überhaupt die Verlegenheit, diese delikate Frage, mechanische Lüftung ja/nein beantworten zu sollen. Aber auch dann können wir hier nur technische Beiträge leisten, die zur juristischen Klärung der Beantwortung im Einzelfall führen kann.

Ein Beispiel aus dem Leben
Wenn ein Gast in ein Restaurant kommt und essen will, diskutiert niemand darüber, ob der Gast das Essen bestellen muss, bevor er es serviert bekommt. Die Spielregel ist klar: Der Gast kommt, sagt was er haben will und bekommt das, was er bestellt hat. Der Gastronom sagt noch, was es heute zu essen gibt und ob gesundheitlich zu erwähnende Inhaltstoffe in den Gerichten enthalten sind. Ob der Gast aber etwas bestellt, gegen das er allergisch ist, bleibt sein Problem. Sagt der Gast nicht, was er haben will, geht der Ober und kommt wieder, wenn das Meinungsbild des Gasts zu seinen Wünschen abgeschlossen ist.
Genauso sollten wir es spätestens ab dem 1. Januar 2018 unterlassen, schon mal zum Ausprobieren, die gesamte Speisekarte in allen möglichen Zubereitungsvarianten zu "servieren“, um dann mit dem „Gast“ zu diskutieren, ob hier und da ein anderes Rezept besser gewesen wäre und wir verantwortlich sind, ob er etwas essen wird, was er lieber nicht essen sollte.

Fazit
Wir Ingenieure sollten uns um unsere Angelegenheiten kümmern und Ingenieurleistungen erstellen. Dabei können wir technisch beraten und die technischen Zusammenhänge erklären. Wir sollten auf jeden Fall juristische Beratungen unterlassen. Vor allem sollten wir vermeiden, juristische Sachverhalte über technische Argumente lösen zu wollen. Was sagen denn die Juristen zu diesem Thema?

Thilo Bauschke, Bauschke + Partner, Frankfurt
27.09.2017
Super ist ihr Artikel, danke. Wir, der Schweizerischer Verein Luft- und Wasserhygiene (SVLW) und das Aktionsbündnis MeineRaumluft.ch bemühen uns seit langem, dass der Luft in Innenräumen mehr Beachtung geschenkt wird. Der SVLW versuchte über die politische Schiene, Gehör für die Sicherheit und Hygiene in raumlufttechnischen Anlagen zu verschaffen. Doch der Bund verwies uns auf die Kantone, die seien dafür verantwortlich. Wir haben gelernt, dass Politiker nur Themen interessieren, die ihnen eine Wiederwahl ermöglichen.
Auf der Suche nach einem anderen Weg sind wir auf die österreichische Organisation MeineRaumluft.at gestoßen. Eine entsprechende Organisation wurde auch in der Schweiz gegründet und die Aktion Luft zum Lernen mit der Lunge Zürich und dem Lehrerverband Zürich gestartet. Zum Verständnis:
- Der SVLW ist der Fürsprecher der Luft in Innenräumen, da die Luft keine Lobby hat.
- MeineRaumluft.ch setzt sich für das Bewusstsein für die Luft ein und führt Untersuchungen durch.
Die ersten Resultate liegen nun vor, siehe www.svlw.ch. Anlässlich des Bildungstags wurde das Zwischenergebnis vorgestellt und unserem Bildungsminister ein CO2-Display überreicht. Die Aktion wird nun auf die ganze Schweiz ausgedehnt.
 
Was machen wir weiter:
- Für die Schüler und Eltern haben wir ein Faltblatt erstellt.
- Für die Lehrer werden wir eine Empfehlung erstellen, und der Lehrerverband hat eine Dokumentation erstellt.
- Für die Schulbehörde erstellen wir ein Faktenblatt, auf was bei Neu- und Umbauten von Schulen geachtet werden muss.
- Anlässlich der Swissbau2018 in Basel findet am 17. Januar ein Roundtable-Gespräch statt.
Die erwähnten Flyer und Empfehlungen sowie viele weitere Beiträge zur Schullüftung und zur Luft in Innenräumen stehen auf www.svlw.ch zur Verfügung.
 
Alfred Freitag, Präsident SVLW, Bern/Schweiz
04.10.2017
In den vorangehenden Kommentaren wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass der Luftaustausch in den heutigen Schulgebäuden praktisch durchwegs ungenügend ist. Zuwenig beachtet wird die Frage nach dem „Wie lüften?“. Ob im Einzelfall „kontrollierte, natürliche Belüftung“ oder „geregelte, mechanische Belüftung“ sinnvoll und möglich ist, muss fallbezogen entschieden werden. Die Betonung liegt hier auf den Zusätzen „kontrolliert“ respektive „geregelt“, die für den Lernerfolg der Schüler, aber auch für die Energieeffizienz entscheidend sein werden.
Dass „kontrollierte, natürliche Belüftung“ möglich und energieeinsparend sein kann, hat der Beitrag in cci Branchenticker vom 4. Oktober „Energieeffizienz von Gebäuden durch kontrollierte natürliche Lüftung“ gezeigt. Interessant sind im angesprochenen Zusammenhang die ersten Resultate von Wintermessungen November 2016 bis Mai 2017 aus einhundert Schweizer Schulzimmern. Es wurden jeweils über eine Woche am Ende der Schulstunde CO2, relative Luftfeuchtigkeit und Temperatur gemessen im Rahmen einer Mess-Kampagne von www.meineRaumluft.ch .Die Zwischenbilanz der Resultate ist nachzulesen auf der Website der Schweizerischen Vereinigung für Luft und Wasserhygiene hier (https://www.svlw.ch/432-erste-resultate-aus-messkampagne-schulzimmer). Wenn den Schülern die Wichtigkeit der Außenluftzufuhr mit einem gut sichtbaren Display vor Augen geführt wird und sie konsequent in der Pause lüften, sind erstaunlich gute CO2-Werte erreichbar. Lediglich 13 % der CO2-Werte waren am Ende der Schulstunde über 2.000 ppm. Hingegen waren die Luftfeuchtigkeitswerte katastrophal! Nur 21 % der Werte für die Luftfeuchtigkeit lagen über 40 %, 33 % unterhalb des Grenzwerts von 30 %!
Deshalb scheint mir der Zusatz „geregelt“ für jede Art von Lüftung von ausschlaggebender Bedeutung. Ohne geregelte, CO2-sensorgesteuerte Lüftungen, ob natürlich oder mechanisch, werden wir im Winter die Schüler wohl nicht mehr ihren eigenen Abgasen, wie CO2 und übelriechenden volatilen Duftstoffen, aussetzen, sie aber als potenzielles Dörrobst oder Trockenfleisch behandeln! Dass schon leichte Austrocknung insbesondere bei Kindern und Jugendlichen eine deutliche Verminderung der Hirnleistungsfähigkeit und damit des Lernerfolges zur Folge hat, ist aus der Medizin bestens bekannt.

Dr. med. Walter Hugentobler
06.10.2017

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